Analogie#36

Analogie#36

Italien Teil 2

Erinnerst du dich noch an die letzte Analogie? Als ich mich bei unerträglichen Temperaturen durch Rom geschleppt habe? Dieser Beitrag endete mit einem kleinen Cliffhanger, dem Ausblick auf meine zweiten Italienreise im Herbst 2019 nach Venedig.  Mit Freunden besuchte ich dort die Biennale, die alle zwei Jahre im Giardini und im Arsenale stattfindet, sowie in dem einen oder anderen Offspace irgendwo in der Stadt. Das Motto lautete: “May You Live In Interesting Times”. 

May You Live In Interesting Times

Wir quartierten uns in einem feinen AirBnB abseits der touristischen Plätze ein (sofern man in Venedig von so etwas sprechen kann), das trotzdem in direkter laufnähe zu den Ausstellungsräumen lag. Der kleine Laden um die Ecke versorgte uns mit dem Wichtigsten (Pasta, Olivenöl und Wein) und alles weitere kauften wir direkt von einem Marktboot. Unser Zeitplan gestaltete sich recht straff. Ein Tag im Giardini und einer im Arsenale sowie zwei weitere Tage für die Stadt inklusive dem einen oder anderen Offspace. Und da ich nicht alles von meinem Schreibtisch bis zur Abreise abarbeiten konnte, plante ich noch zwei Arbeitsvormittage ein.

Für mich war es das erste Mal auf der Biennale, weshalb ich bereits am ersten Tag hin und hergerissen zwischen Begeisterung und Überforderung war.  So viel spannende Architektur auf engstem Raum gefüllt mit so vielen verschiedenen künstlerischen Auseinandersetzungen zu aktuellen Themen. Geballte Inspiration. Wobei auffällig war, dass in diesem Jahr der Trend zu Videoinstallationen mit mehreren Monitoren ging, die jeweils eine andere Sicht auf eine bestimmte Situation zeigten. Von der Sache her nett, aber in Masse dann doch etwas ermüdend. Vor allem weil ich selten die Notwendigkeit für den Effekt wahrnehmen konnte. Aber ich bin auch kein Kunstkritiker.

Als wir zur Abendstunde aus dem Hauptpavillon des Giardini traten und sich unsere Beine so langsam nach Entspannung sehnten, waberten weiße, dicke Rauchschwaden vom Dach eines Gebäudes herunter. Feiner, sanfter Tröpfchen-Nebel, der in langen Bahnen seinen Weg auf den Boden suchte. Hier und da schaffte es ein Sonnenstrahl durchzubrechen, doch nach und nach zog sich die Masse über das ganze Gelände und verschlang die Kunstinteressierten in seinem blickdichten Gewand. Beklemmend und beeindruckend zugleich. Ein Anblick, den ich nicht vergessen werde.

Wenn es dunkel wird ist der Anblick deutlich entspannter, doch bereits in unserer ersten Nacht hörten wir, was es bedeutet, den Herbst in Venedig zu verbringen. Die Sirene, welche eine aufsteigende Tonleiter spielt, signalisiert mit jedem Ton den Anstieg des Wasserspiegels. Hochwasser – Acqua Alta – ist zu dieser Jahreszeit gängig und auch eine willkommene Ausrede, die Wohnung erst am späten Vormittag zu verlassen, da vorher die Gassen  noch überflutet sind. Doch 2019 war anders. Mit jedem Tag, den wir da waren, stieg das Wasser immer höher und floss auch stellenweisen gar nicht mehr ab. Wasser begleitete uns somit auf allen Wegen. Natürlich gab es hunderte Stände mit Gummiüberzieher… ich entschied mich jedoch, die meisten Strecken Barfuss und mit hochgekrempelten Beinen zurückzulegen.

Jan, der schon des Öfteren die Biennale in Venedig besucht hatte, leitete uns durch die verwinkelten, kleinen Gassen Venedigs wie durch seine Westentasche. Abseits der großen Hauptstraßen und Plätze fühlte ich mich auch direkt in diverse Buchklassiker versetzt. Ich könnte einfach stundenlange von Ecke zu Ecke huschen, über winzige Bogenbrücken Kanäle überqueren und immer mal unverhofft auf kleine Plätze stoßen, die das Labyrinth aus Gassen auflockern. Einfach unglaublich atmosphärisch, sodass man fast die riesigen Kreuzfahrtschiffe vergisst, die in ihrer Höhe jedes Haus in Venedig überragen und somit nicht nur das Stadtbild zerstören, sondern auch Natur und Wirtschaft schädigen. Ganz zu schweigen vom Charme der Lagunenstadt. Auf den bekanntesten Brücken mit den schönsten Ausblicken stehen Touristen Schlange, um ein weiteres belangloses Urlaubsselfie aufzunehmen und gleich vor Ort mit allerhand Filtern – hauptsächlich “Hautglättung” –zu versehen und der Welt zu schicken. Mit genervtem Blick und gazellen-ähnlichen Bewegungen schlängeln sich die Einheimischen daran vorbei, um einfach nur den Kanal zu überqueren.

So kamen wir auch im Arsenale an, wo das Wasser bereits bis zur Tür reichte. In den alten Schiffswerften reihten sich Kunstwerke aus aller Welt aneinander, manchmal etwas zu dicht, aber durch die rustikale Inszenierung nicht ganz so elitär wir im Giardini. Ganz am Ende, im Stillen, wartete eine Soundinstallation auf uns, die sich genau mit dem Thema des Acqua Alta auseinandersetze. Am Ende eines kleinen Steges standen wir alleine in einem alten Dock und lauschten den Klängen, während eine Cloud befestigt an unmengen von Drahtseilen über dem Wasser schwebte.

Für den darauffolgenden Tag suchten wir uns diverse Offspaces heraus, die über die ganze Stadt verteilt waren. Hier hat man deutlich mehr Ruhe, sich mit den einzelnen Werken auseinanderzusetzen und diese wirken zu lassen. In fast schon familiärer Atmosphäre. So fanden wir uns zum Beispiel in  einem dunklen Hinterzimmer einer Kanzlei wieder, in der eine KI historische Kachelmuster analysierte und auf deren Basis ganz neue und eigene Muster erschuf. Oder im Innenhof der Musikhochschule, wo aus den obersten Fenstern die Klänge der übenden Studenten zu uns herunterwabertent. Den ganzen Tag trat nicht nur das Wasser aus den Kanälen über die Ufer, sondern es fing auch an zu regnen, was  eine bedrohliche Stille über die Stadt legte.

Den letzten Abend genossen wir noch eine Pizza in einem Restaurant um die Ecke und erreichten mit Mühe noch unser Apartment. Die Klangfolge der Warnsirene wurde immer länger und höher. Binnen von Minuten stieg das Wasser um mehrere Zentimeter. Aus dem Fenster beobachteten wir die Einheimischen, wie selbst sie Fotos machten. Die Barrikaden an Fenstern und Türen des Erdgeschosses waren schon lang nicht mehr zu sehen und in unserem Hausflur stand das Wasser eine Hand breit unter dem Stromkasten. Es handelte sich in dieser Nacht um das Rekordhochwasser mit dem zweithöchsten Pegel seit dem Beginn der Aufzeichnung in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts. Zwei Menschen kamen in dieser Nacht ums Leben. 

Am nächsten Morgen gingen Bilder um die Welt von Touristen, die sich einen Spaß daraus machten über den Markusplatz zu schwimmen, da dieser komplett unter Wasser stand. Dies war auch der Tag unserer Abreise. Wir krempelten unsere Hosenbeine hoch und trugen unser Gepäck durch die noch immer überfluteten Gassen auf der Suche nach noch fahrenden Nahverkehr. Wir waren jedoch nicht die Einzigen. Zwischen den Gondolieri, die ihre Boote versuchten zu retten und Ladenbesitzern, die vor ihren überfluteten Geschäften standen, zerrten verzweifelte Touristen hoffnungslos ihre Rollkoffer durchs Wasser. Gemeinsam klapperten wir alle Haltestellen ab, um festzustellen, dass der Nahverkehr eingestellt wurde. Zum ersten mal in der Analogie füge ich an dieser Stelle Handybilder ein, da ich, wie man auf den Bildern erkennt, alle Hände voll zu tun hatte und nicht an meine Leica kam. Nach längerer Suche konnten wir zusammen mit anderen Reisenden ein Wassertaxi ergattern, das uns über die Fluten hüpfend zum Flughafen bringen konnte. Danach wirkte die Wartehalle des Flughafens wie eine absurde Parallelwelt, mit Kaffee schlürfenden und im Dutyfreebereich shoppenden Pasagieren, die keine Rückschlüsse auf das Naturgeschehen ein paar Kilometer weiter zuließ.

Leica M 2
Leica SUMMILUX-M 35mm
Kodak Portra 400, Kodak Tri-X

Hasselblad 500c
Kodak Tri-X
Fotolabor Görner

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